In unseren zwei neusten Projekten, sowohl in der Muskaan-Schule als auch im Entwicklungsprojekt in Yadavpur, engagieren wir uns für die Bildung und Verbesserung der Lebensverhältnisse von Dalits.
Doch wer oder was sind eigentlich Dalits?
Seit Jahrhunderten leben Dalits am Rande der indischen Gesellschaft und sie tun es noch heute in weiten Teilen Indiens.  Das Wort „Dalit“ bedeutet so viel wie „Gebrochene“, „Zerissene“ oder „Niedergetretene“ und der Begriff kam erst im 19. Jahrhundert auf, davor wurden Dalits u.a. als „Unberührbare“ bezeichnet. Um das mit der „Unberührbarkeit“ genauer erklären zu können, müssen wir einen Blick auf das indische Kastensystem werfen:
Das traditionelle Kastensystem
Das indische Kastensystem ist sehr komplex, daher haben wir einiges vereinfacht dargestellt.
Das Kastensystem in Indien teilt die Menschen in „reine“ und „unreine“ Gesellschaftsgruppen sowie in verschiedene Kasten („Varnas“). Die Begriffe „rein“ und „unrein“ beziehen sich allerdings nicht auf Schmutz im eigentlichen Sinne, sondern auf spirituelle oder religiös rituelle Reinheit.
Das Kastensystem ist hierarchisch ausgebaut und ein Wechsel oder ein Aufstieg in eine andere Kaste sind nicht möglich. Auch eine Heirat ist nur innerhalb der eigenen Kaste erlaubt.
Den mythologischen Hintergrund des Kastensystems bildet die hinduistische Schöpfungsgeschichte. Demnach formte einst der Gott „Brahma“ die Menschen und teilte sie in vier Kasten, die wiederum auch den Beruf festlegten: ganz oben in der Rangfolge steht die Kaste der Brahmanen (Priester), gefolgt von den Kshatriyas (Krieger und Könige), Vaishas (Kaufleute) und Shudras (niedere Tätigkeiten). Dalits werden in der Schöpfungsgeschichte nicht erwähnt und stehen genau genommen außerhalb des traditionellen Kastensystems und deshalb ganz unten in der Rangordnung.
Wie bereits erwähnt hatte die jeweilige Kaste etwas mit dem Beruf zu tun und Dalits endeten in den niedersten und schmutzigen (nun im wahrsten Sinne des Wortes) Tätigkeiten, z.B. Arbeiten mit Tierkadavern und Leichen oder das Reinigen von Toiletten. Dadurch das Dalits als „unrein“ angesehen waren, mieden höhere Kasten den Kontakt mit ihnen, um nicht auch „unrein“ zu werden. Es handelt sich dabei nicht nur um die Vermeidung von körperlichem Kontakt oder Berührungen (daher der Begriff „Unberührbare“), sondern auch das Wohnen in der selben Nachbarschaft, gemeinsames Essen, Trinken aus dem selben Brunnen oder das Betreten des Tempels.
Situation der Dalits heute
Obwohl die indische Verfassung von 1950 jegliche Diskriminierung aufgrund von Religion, Kaste, Rasse oder Geschlecht verbietet und obwohl es wenige Jahre später extra ein Gesetzt, welches die Praxis der „Unberührbarkeit“ verbietet, verabschiedet wurde, sind Dalits auch heute noch benachteiligt und diskriminierende Praktiken wie die oben genannten existieren auch noch heute. Es ist schwer die Jahrhunderte alte Tradition zu überwinden. Ohne gute Bildung finden sie keine gute Arbeit und bleiben somit sozial schwach, abgesehen von sozialer Ausgrenzung. Aber gute, qualitativ hochwertige Bildung bleibt Dalits oft verwehrt.
Einige Dalits versuchten dem Stigma durch das Konvertieren zu einer anderen Religion (z.B. dem Christentum oder Buddhismus) zu entkommen, doch häufig lebt das Stigma darin weiter.
Natürlich gibt es Ausnahmen, so hatte Indien z.B. mit K.R. Narayanan 1997-2002 einen Dalit als Präsidenten oder der erste indische Justizminister und der Vater der indischen Verfassung, B. Ambedkar war nicht nur ein großer Kämpfer für die Rechte der Dalits, sondern er war auch selbst einer.
In der Anonymität der Großstädte Indiens mag das Kastensystem heutzutage teilweise weniger eine Rolle spielen. Trotzdem kann man zu Recht behaupten, dass die Geburt in die Kaste der Dalits auch heute noch ein schweres Los ist.
 


Wer sich noch ein bisschen mehr mit dem Thema auseinander setzen möchte, hier haben wir ein paar Empfehlungen:
– Film: „India Untouched“ von 2007 (hier zu finden auf Youtube) (Hindi mit englischem Untertitel)
– Artikel: „India’s Dalits still fighting untouchability“ von BBC News (Hier geht’s zum Artikel) (Englisch)
– Artikel: „Meine Geburt ist mein tödlicher Unfall – Der Suizid des jungen Dalit Rohith Vemula“ auf dem Blog von Misereor (Hier entlang) (Deutsch)